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"Ruine für die Ewigkeit"

Drei Jahre nach der Flut: Spuren der Katastrophe in Ahrtal noch immer präsent

  • Aktualisiert: 12.07.2024
  • 15:58 Uhr
  • dpa
Auch heute sind die Spuren der Katastrophe im Ahrtal noch sichtbar.
Auch heute sind die Spuren der Katastrophe im Ahrtal noch sichtbar.© Boris Roessler/dpa

Drei Jahre nach der Flutkatastrophe mit mindestens 135 Toten sind viele Menschen an die Ahr zurückgekehrt. Das Leben im Tal ist aber nicht mehr wie vorher.

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Neben strahlenden Neubauten stehen verwahrloste Bauruinen und halbfertige, verlassene Häuser. "Ruine für die Ewigkeit" ist im Weinort Mayschoß auf einigen von den ölig-schlammigen Wassermassen schwer beschädigten Gebäuden zu lesen. Drei Jahre nach der Flutkatastrophe mit mindestens 135 Toten kehren zwar viele Menschen ins Ahrtal zurück - oder ziehen sogar hin. Aber das Leben in der alten Heimat ist nicht mehr so wie vor dem traumatischen Ereignis am 14./15. Juli 2021.

"Die Mentalität hat sich verändert", beschreibt das ein Mann, der vor einigen Monaten in seinen fast fertigen Neubau zurückgekehrt ist, seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen will. "Die Nachbarschaft ist nicht mehr so wie früher", sagt seine Frau. "Man hat nicht nur das in der Nacht Erlebte immer im Kopf, sondern auch, was man seither alles tun musste - und die ganzen Rückschläge beim Wiederaufbau." Dazu komme Neid, vor allem bei Menschen, bei denen das Wasser nur wenig Schaden angerichtet habe und die jetzt auf die makellosen neuen Häuser ihrer Nachbarn blickten, sagt ihr Mann.

Im Video: Straßen und Häuser in Ahrweiler überflutet

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Bericht über schlechte Fachleute und Berater

Knapp 56.600 Menschen lebten Ende Juni entlang der Ahr, wie es bei der Verwaltung des Kreises Ahrweiler heißt. Die Daten stammten aus dem landeseinheitlichen Auskunftssystem Ewois. Das seien 3,54 Prozent weniger als Ende Juni 2021 - also zwei Wochen vor der Katastrophe -, aber ein paar Hundert mehr als zweieinhalb Monate nach der Flut Ende September 2021. Die Zahlen seien allerdings nur bedingt aussagekräftig, weil nicht klar ist, wie viele Menschen im Ahrtal nach der Katastrophe wirklich gelebt haben - also sich nicht um-, ab- oder angemeldet haben.

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Von Unklarheit und langanhaltender Ungewissheit, von schlechten Fachleuten und Beratern sowie von "vielen Geldgeiern" berichten mehrere Menschen im Tal entmutigt. Die Bereitschaft, über das Erlebte zu sprechen, hat abgenommen. Skepsis, Erschöpfung und Misstrauen sind deutlich zu spüren. Auch Tränen fließen immer noch.

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"Ständig gibt es neue Vorschriften"

"Hier weiß keiner, was man machen darf und was nicht, was bezahlt wird und was nicht", sagt eine 56 Jahre alte Frau aus Altenburg, die ihren Namen auch nicht nennen will. "Ständig gibt es neue Vorschriften, was bezahlt wird, und dann wird es doch nicht bezahlt." Ihr persönlich gehe es aber gut, sie habe ihr Mehrfamilienhaus mit dem Geld der Versicherung und aus eigener Kraft "einfach so wieder aufgebaut, wie ich dachte", berichtet die Malermeisterin.

"Nach drei Jahren fängt es erst wieder richtig an", sagt dagegen Dijana Madjuni, die mit ihren beiden Geschwistern und ihren Eltern auch in Altenburg lebt und aus dem Fenster des eingerüsteten Hauses schaut. Das Geld, das die Versicherung früh auszahlte, habe bei den Preissteigerungen längst nicht gereicht, dazu seien horrend hohe Architektenrechnungen und Handwerker-Pfusch gekommen, berichtet ihre Mutter. Besonders macht ihr aber zu schaffen, dass sie nicht weiß, wie sie für ihre 20 Jahre alte schwerbehinderte Tochter einen elektrischen Rollstuhl sowie einen Lift oder wenigstens eine Rampe für die Treppenstufen am Hauseingang bezahlen soll. Ihr Trost sind Nachbarn wie die Malermeisterin. "Danke, Nachbarschaft. Sie hat uns viel Kraft gegeben."

Bildergalerie: Ahrtal nach der Katastrophe

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Meterhoch türmen sich Wohnwagen, Gastanks, Bäume und Schrott an einer Brücke über der Ahr in Altenahr nach der Katastrophe im Jahr 2021.
© Boris Roessler/dpa

Meterhoch türmen sich Wohnwagen, Gastanks, Bäume und Schrott an einer Brücke über der Ahr in Altenahr nach der Katastrophe im Jahr 2021.

Anwohner und Ladeninhaber versuchten nach der Flut, ihre Häuser vom Schlamm zu befreien und unbrauchbares Mobiliar nach draußen zu bringen.
© Thomas Frey/dpa

Anwohner und Ladeninhaber versuchten nach der Flut, ihre Häuser vom Schlamm zu befreien und unbrauchbares Mobiliar nach draußen zu bringen.

Die Arbeiten in der Katastrophenregion gehen heute noch weiter. Mit schwerem Gerät wird an der Ahr der Wiederaufbau der Bahnstrecke vorangetrieben.
© Thomas Frey/dpa

Die Arbeiten in der Katastrophenregion gehen heute noch weiter. Mit schwerem Gerät wird an der Ahr der Wiederaufbau der Bahnstrecke vorangetrieben.

Ein abbruchreifes Haus, das durch die Flutkatastrophe zerstört wurde, steht noch immer am Ufer der Ahr.
© Thomas Frey/dpa

Ein abbruchreifes Haus, das durch die Flutkatastrophe zerstört wurde, steht noch immer am Ufer der Ahr.

"Ruine für die Ewigkeit" steht auf einem Schild an einem zerstörten Haus im Weinort Mayschoß. Auch drei Jahre nach der Flutkatastrophe sind zahlreiche Häuser unbewohnbar.
© Boris Roessler/dpa

"Ruine für die Ewigkeit" steht auf einem Schild an einem zerstörten Haus im Weinort Mayschoß. Auch drei Jahre nach der Flutkatastrophe sind zahlreiche Häuser unbewohnbar.

"Am Wochenende ist wieder Betrieb, während der Woche ist es noch ruhiger"

Trotz des Sommerwetters und der gerade im benachbarten Nordrhein-Westfalen begonnenen Sommerferien sind nur wenige Radfahrer, Wanderer und Motorradfahrer im Tal unterwegs. "Am Wochenende ist wieder Betrieb, während der Woche ist es noch ruhiger", sagt Hotelier und Gastronom Wolfgang Ewerts aus Insul, der mit seinen Gästen gerade eine geführte Radtour unternimmt. Er sei nach dem Wiederaufbau zufrieden mit dem Geschäft und hat Probleme wie viele in der Branche: "Wir haben immer noch kein Personal." Und das Sommerwetter lasse natürlich zu wünschen übrig, sagt er mit Blick auf seinen Biergarten an der Ahr.

Im Video: Mutmaßlich menschliche Knochen an Ahrmündung gefunden

"Das war hier im Ahrtal im Sommer immer so voll", wundert sich Regina aus Düsseldorf vor einer verschlossenen Bäckerei in Mayschoß. "Hier haben wir sonst immer einen Kaffee getrunken und ein Stück Kuchen gegessen." Die 66-Jährige und der 74 Jahre alte Wolfgang wandern seit der Flutkatastrophe jedes Jahr im Sommer einmal dieselbe 16-Kilometer-Rundtour. "Jetzt können wir nicht einkehren. Wir würden aber gerne unterstützten", sagt Wolfgang, der wie Regina seinen Nachnamen nicht nennen will. Beide sind enttäuscht, weil sie auch keine Informationen finden, weshalb die Bäckerei zu ist. Auf Dauer?

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"Wir sind schon vor der Flutkatastrophe nach Dernau gekommen, das war immer so schön mit der Bahn", erinnert sich Regina. An der zerstörten Strecke wird zwar sichtbar gearbeitet, ganz fertig sein soll sie aber erst Ende 2025. "Es geht langsam voran", sagt Wolfgang auch über den Wiederaufbau der anderen Infrastruktur und vor allem vieler Häuser.

Regina ist überrascht, wie viele Menschen nah an der Ahr ihre Häuser wieder aufgebaut haben. "Ich hätte ja bei jedem Regen Schiss, dass das Wasser wieder kommt."

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